
Neue Studien von DGESS Mitgliedern zum Thema körperliche Bewegung und Essstörungen:
Geschlechterunterschiede bei Athlet*innen: Im Vergleich zu Sportlern mit einer Essstörung berichten Sportlerinnen mit einer Essstörung im Durchschnitt...
- stärkeres Schlankheitsstreben,
- höhere Körperunzufriedenheit,
- mehr psychische Beschwerden,
- häufiger Suizidgedanken
Das unterstreicht die Notwendigkeit gendersensibler Diagnostik im Kontext von Sport und Essstörungen.
⇒ Rosinska, M., Soós, D., Gálvez-Solé, L., Ibáñez-Caparrós, A., Thiel, A., Zipfel, S., . . . Fernandez-Aranda, F. (2025). Athletes with eating disorders: clinical-psychopathological features and gender differences. Journal of Eating Disorders, 13(1). https://doi.org/10.1186/s40337-025-01221-1
Bewegung als Emotionsregulation: Zwanghafte oder als innerlich getrieben erlebte körperliche Bewegung erfüllt häufig psychische Funktionen:
- Gefühle verändern oder dämpfen
- innere Anspannung reduzieren
- Kontrolle erleben
- soziale Situationen steuern
Das kann zur Entstehung oder Aufrechterhaltung einer Essstörung beitragen. Und: alltägliche Bewegung (z. B. Gehen, Haushalt) steht im Zusammenhang mit besserer Stimmung. Aber: Ergebnisse einer neuen Studie legen nahe, dass die stimmungsaufhellende Wirkung leichter Alltagsbewegung bei stark ausgeprägtem innerem Bewegungsdrang weniger deutlich ausfällt.
⇒ Kolar, D. R., Haynos, A. F., Wang, S. B., Lask, T., Murray, S. B., Voderholzer, U., & Gorrell, S. (2025). Identification of Affective- and Social-Reinforcement Functions of Driven Exercise: Evidence From Three Samples. Clinical Psychological Science, 13(3), 582–597. https://doi.org/10.1177/21677026241290455
⇒ Olfermann, R., Schlegel, S., Vogelsang, A., Ebner-Priemer, U., Zeeck, A., & Reichert, M. (2025). Relationship between nonexercise activity and mood in patients with eating disorders. Acta Psychiatrica Scandinavica, 151(3), 448–462. https://doi.org/10.1111/acps.13757
Bewegung und kognitive Flexibilität: In einer Studie bei Menschen mit Adipositas in einem Gewichtsreduktionsprogramm stand moderate körperliche Aktivität mit höherer kognitiver Flexibilität im Zusammenhang. Der Befund verdeutlicht: Die Bedeutung von Bewegung hängt vom Kontext und ihrer Funktion ab.
⇒ Foroughi, N., Mohsin, M., Piya, M. K., Raman, J., Hilbert, A., Chimoriya, R., & Hay, P. (2025). Mind in Motion: Executive function and health outcomes in a multidisciplinary care program for higher body weight. Appetite, 214. https://doi.org/10.1016/j.appet.2025.108176
Prävention durch Erfahrungsberichte: In einer Studie wurde ein kurzer Animationsfilm mit persönlichen Erfahrungsberichten zu Essstörungen und exzessivem Sport entwickelt. Das Video förderte Selbstreflexion über eigenes Trainingsverhalten und Personen mit erhöhtem Essstörungsrisiko bewerteten das Video subjektiv als besonders relevant. Erfahrungsbasierte Inhalte stellen möglicherweise einen niedrigschwelligen Zugang zur Prävention von Essstörungen im sportlichen Kontext dar.
⇒ Brandt, G., Bartel, H., & Paslakis, G. (2025). 'Captivating voices': Evaluation of a patient-centred animated video on excessive physical exercise and eating disorders. Medical Humanities, 51(2), 260–267. https://doi.org/10.1136/medhum-2024-013003
Veränderung im Therapieverlauf: Bei Jugendlichen mit Essstörung in familienbasierter Therapie wurden Veränderungen zunächst in der Einstellung gegenüber Bewegung beobachtet, während sich das tatsächliche Bewegungsverhalten erst später reduzierte. Veränderungen auf der Bedeutungsebene scheinen dem Verhalten entsprechend vorauszugehen.
⇒ Datta, N., Matheson, B., Plessow, F., Citron, K., Le Grange, D., Schlegl, S., & Lock, J. (2025). The Impact of Family-Based Treatment for Adolescent Anorexia Nervosa on Compulsive Exercise Attitudes and Behaviors. International Journal of Eating Disorders, 58(2), 446–451. https://doi.org/10.1002/eat.24334
Die Befunde sprechen dafür, dass körperliche Bewegung nicht pauschal als Risiko- oder Schutzfaktor für Essstörungen zu betrachten ist. Ihre Bedeutung entsteht aus vorherrschenden Motivation, subjektivem Erleben und Kontext. Sie kann Symptome aufrechterhalten, selbst Symptom sein und steht in Wechselwirkung mit Stimmung und kognitiven Funktionen. Erfahrungsberichte können möglicherweise der Prävention von Essstörungen im Sportkontext dienen. Und im Rahmen von Psychotherapie scheint eine veränderte Haltung gegenüber körperlicher Bewegung der tatsächlichen Veränderung darin vorauszugehen.

